WieNaWARO - Beschreibung und praxisgerechte Planung von Umsetzungsprojekten zum Einsatz von Werkstoffen aus nachwachsenden Rohstoffen
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Projekt des Instituts für Abfall- und Kreislaufwirtschaft (ABF-BOKU) - BOKU im Auftrag der INITIATIVE "Abfallvermeidung in Wien", MA 48, 2004
Die Abkopplung der Wirtschaft von nur in endlichem Ausmaß zur Verfügung stehenden Ressourcen wird zusehends realer, auch wenn der tatsächliche Weg dahin noch sehr weit ist. Werkstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen sind in den letzten Jahren aus unterschiedlichen Gründen verstärkt in den Blickwinkel von Fachleuten aus dem Umwelt und Landwirtschaftsbereich gerückt. Das Material selbst verhält sich im Gegensatz zu fossilen Rohstoffen umweltfreundlicher bezüglich Emissionen und Treibhauseffekt, die verstärkte Nutzung schont den Abbau endlicher Ressourcen und kann auch z.B. auf regionaler Ebene Arbeitsplätze schaffen (BAUER ET AL., 2001).
Nachwachsende Rohstoffe sind Stoffe, die aus lebender Materie stammen und vom Menschen zielgerichtet für Zwecke außerhalb des Nahrungs- und Futterbereiches verwendet werden (MANN, 1998). Biologisch abbaubare Werkstoffe können sowohl aus nachwachsenden als auch aus fossilen Rohstoffen oder aus Mischungen aus beiden hergestellt werden. Entscheidend dafür, ob ein Werkstoff biologisch abbaubar ist oder nicht, ist nicht die Rohstoffbasis, sondern seine molekulare Struktur. Der Begriff „biologisch abbaubar“ impliziert darüber hinaus noch nicht, ob der Werkstoff für eine technische Kompostierung bzw. Vergärung tatsächlich geeignet ist.
Der Schwerpunkt der vorliegenden Studie liegt auf biologisch abbaubaren Werkstoffen als Ersatz für herkömmliche Kunststoffe. Diese sog. Biokunststoffe werden zum überwiegenden Anteil aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt und bestehen wenn überhaupt nur zu einem geringen Prozentsatz aus fossilen Rohstoffen.
Ziel und Methoden:
Ziel des vorliegenden Projektes ist die Ausarbeitung von konkreten Vorschlägen für Umsetzungsprojekte in Wien, bei denen gezielt Produkte aus Biokunststoffen eingesetzt werden. Bei der Wahl und Ausgestaltung der Ideen wurden nach Möglichkeit die Interessen von Beteiligten, Erfahrungen mit den einsetzbaren Materialien, rechtliche und logistische Rahmenbedingungen, Verwertungsmöglichkeiten etc. berücksichtigt.
Für die Zusammenstellung der Marktübersicht wurde eine intensive Literatur- und Internetrecherche durchgeführt, sowie zusätzliche aktuelle Informationen in persönlichen Kontakten zusammengestellt. Neben den Beschreibungen zu Werkstoffen und Produkten konnten damit auch internationale Beispiele von Pilotprojekten bzw. dauerhaften Anwendungen von Biokunststoffen dargestellt werden. Zunächst wurden mögliche Einsatzbereiche für Produkte aus Biokunststoffen in der Stadt Wien recherchiert. Dabei wurden Bereiche wie Friedhöfe, Großveranstaltungen, Krankenhäuser, Landwirtschaft, Gartenbau, Verpflegung, Lebensmittelverpackungen etc. betrachtet. In einer ersten Recherche wurden grobe Vermeidungspotentiale abgeschätzt und aus den gesammelten Informationen wurde die Sinnhaftigkeit des Einsatzes von Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen diskutiert. Bei jenen Einsatzbereichen, wo eine Anwendung von Produkten aus Biokunststoffen vorteilhaft erschien, wurden weitere Recherchen und empirische Untersuchungen durchgeführt. Im Zuge dieser wurden konkrete Gesprächspartner aus jeweils unterschiedlichen betroffenen Bereichen ausgewählt. Anhand von ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Kenngrößen wurden die detailliert recherchierten Einsatzbereiche bewertet. Aus den detailliert recherchierten Anwendungsbereichen wurden im Anschluss Ideen für Umsetzungsprojekte formuliert, welche abschließend nach den festgelegten Kenngrößen einer Bewertung bzw. Reihung unterzogen wurden.
Ergebnisse und Schlussfolgerungen:
Die Rohstoffe für die Herstellung von Biokunststoffen können pflanzlicher oder tierischer Herkunft sein oder durch Mikroorganismen erzeugt werden bzw. auch aus fossilen Quellen stammen. Zu den nachwachsenden pflanzlichen Rohstoffen zählen Stärke und Stärkederivate, Cellulose und ihre Derivate, Lignin, Pflanzenfasern sowie diverse Kombinationen aus diesen Substanzen. Polyhydroxyfettsäure und Polymilchsäure werden von Mikroorganismen auf Basis pflanzlicher Grundstoffe synthetisiert. Proteine, Kollagene, Gelatine und bestimmte Algenbestandteile repräsentieren die möglichen nachwachsenden Rohstoffe tierischer Abstammung. Zu den im Bereich der Biokunststoffe eingesetzten Werkstoffen aus fossilen Rohstoffen gehören Polyesteramid, Poly-e-Caprolacton, Polyvinylalkohole und Copolyester.
Erfolgreiche Beispiele für den Einsatz von Biokunststoffen in Österreich zeigen z.B. die Verwendung von Bioabfallvorsammelhilfen im Abfallwirtschaftsverband Tulln, von Einweggeschirr im Fast-Food-Lokal und von Mulchfolien in der Landwirtschaft. Internationale Fallbeispiele betreffen den Bereich Einweggeschirr bei Veranstaltungen und Lebensmittelverpackungen im Einzelhandel.
Zertifizierungen der Kompostierbarkeit eines Werkstoffes können derzeit nach den Normen EN 13432, ASTM D 6400 bzw. 6868 durchgeführt werden, entsprechende Kennzeichnungen sind das Kompostierbarkeitszeichen und das „OK compost“-Zertifikat. Bei Sammlung von Biokunststoffen über den Restmüll ist eine thermische Nutzung möglich, über die Biotonne kann auch eine biologische Verwertung erfolgen.
Als mögliche Einsatzgebiete von Biokunststoffen in Wien wurden 15 verschiedene Bereiche untersucht:
- Friedhöfe
- Großveranstaltungen
- Gartenbau
- Landwirtschaft
- Krankenanstalten
- Pflegeheime
- Rettung
- Fertigmenülieferservices
- Vending
- Schulen
- Kindertagesheime
- Magistrate
- Polizei
- Theater
- Tiergärten
- Vorsammelhilfen
- Lebensmittelverpackungen
- Werbemittelsäckchen
Jene Bereiche, die für ein Umsetzungsprojekt in Frage kommen, wurden im Anschluss einer Bilanzierung und Bewertung unterzogen. Als Kenngrößen für die Bewertung wurden austauschbare Mengen, Transportaufwendungen, CO2-Einsparung, Kosten, Awareness, Umsetzungspotential und PR-Wirksamkeit ausgewählt.
Insgesamt wurden elf Umsetzungsprojekte formuliert, wobei in einigen noch vorbereitende Entwicklungsarbeit zu leisten ist, um entsprechend geeignete Produkte tatsächlich vorliegen zu haben. Die Aufbereitung von spezifischen Informationsmaterialien für unterschiedliche Zielgruppen (Unternehmen, Haushalte, Schulen) bietet eine gute Grundlage für eine allgemeine Bewusstseinsbildung, auf die in der Folge mit anderen Umsetzungsprojekten aufgebaut werden kann. Die Verwendung von Biokunststoffen im Zuge der Fußballeuropameisterschaft 2008 bringt zwar direkt kein großes Vermeidungspotential, hätte jedoch einen hohen Stellenwert für Awareness und PR-Wirksamkeit. Kurzfristiger umzusetzen erscheint die Verwendung von Biokunststoffbechern im Zuge des Vienna City Marathons, des Donauinselfestes und im Tiergarten Schönbrunn, wobei in der letztgenannten Anwendung ein hohes Awarenesspotential zu sehen ist. Im Bereich des Krankenanstaltenverbundes ergeben sich hauptsächlich zwei Produktbereiche, Müllsäcke und Becher. Vorsammelhilfen für Restmüll könnten auch in anderen Bereichen mit zentralem Einkauf (Nicht-Haushalte), wie z.B. Kindertagesheimen, zum Einsatz kommen. Die Verwendung von Schalen aus Biokunststoffen im Bereich Fertigmenülieferservices erfordert ebenso wie der Einsatz von Kaffeeautomatenbechern ergänzende Materialentwicklungen. Vorsammelhilfen für Biomüll werden für Haushalte im Zusammenhang mit der geplanten Biogasanlage in Wien als Projekt vorgeschlagen. Bei Lebensmittelverpackungen sind Biokunststoffe bereits teilweise im Einsatz, daher wird dieses Umsetzungsprojekt besonders empfohlen.
KONTAKT:
Projektleiterin: Dipl.-Ing. Felicitas Schneider
BOKU Wien, Institut für Abfall- und Kreislaufwirtschaft (ABF-BOKU)
Muthgasse 107, 1190 Wien
Tel.: 01/318 99 00